Dr.Alwin Sargant

Aufgrund unseres heutigen Themas - Heilung durch Bilder - muss ich ein persönliches Statement vorausschicken. Ich gehöre zu denen, die in der Philosophie der Aufkl?rung, der Rationalität, die mitgeholfen hat, in Europa die Religionsherrschaft zu beenden, eines der größten Verdienste der vergangenen 300 Jahre sehen.

Nichts desto weniger ist mir als Kunsthistoriker bewusst, dass es, um Shakespeares Hamlet zu zitieren, "mehr Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, als sich unsere Schulweisheit träumen lässt".

Für die jüngste Kunstgeschichte muss allgemein festgestellt werden, dass international starke neo-konservative Tendenzen auftreten: die naturalistisch-figurale Auffassung ist im Vormarsch, gleichzeitig eine esoterische Denkweise, die, wie ich meine, aus einem enormen Bedürfnis nach weltanschaulichen Orientierung kommt.

Die Künstler empfangen die Signale ihrer Zeit - die Verherrlichung von Geld, Macht, Ungerechtigkeit, Gier, Asozialität, Unbehagen zwischen den Kulturen - und scheinen angesichts dieser Welt, die für keinerlei Nächstenliebe mehr Platz hat, die im Gegenteil nur dem Skrupellosen Recht gibt, eine Art Neu-Aussteiger-Reflex zu zeigen, die Negierung einer unerträglich gewordenen Realität, die Beschwörung gesellschaftlicher Nestwärme dort, wo dich dein Nachbar, bevor er mit dir redet, dich vor Gericht bringt, weil du fünf Minuten vor der erlaubten Uhrzeit deinen Rasenmäher gestartet hast.

Ich weiß nicht, ob diese neuen Esoteriker Recht haben oder sich durchsetzen werden, ich weiß nur, dass sich beim Anrollen neuer künstlerischer Wellen immer dieselbe Botschaft gezeigt hat, die da lautete:

So wie bisher kann es nicht weitergehen.

Lassen wir das einmal so stehen und fragen:

Was steht denn dazu im Buch der Bücher und zitieren aus dem Evangelium nach Lukas, Kap. 7, Vers 1-10:

Eines römischen Hauptmannes Knecht, den er sehr mochte, lag im Sterben. Als er von Jesus hörte, schickte er Boten nach ihm aus ... und Jesus machte sich zum Hause des Hauptmanns auf. Da schickte der Hauptmann wiederum Boten und lie? sie sagen: Herr, ich bin nicht würdig, dass du eingehst unter mein Dach, doch sprich nur ein Wort, und mein Knecht wird gesund. Da sprach Jesus zu seinen Jungern: Solchen Glauben habe ich nicht einmal in Israel gefunden. Und als die Boten in das Haus zurückkamen, fanden sie den Knecht gesund.

Es gibt zahlreiche ähnliche Szenen im Neuen Testament, aber eines ist ihnen gemeinsam: Es wird in jedem Fall ein Energiestrom in Gang gesetzt, der sich nicht mit dem Umlegen eines elektrischen Schalters, nicht mit dem Anwerfen eines Motors oder mit einer herkömmlichen medizinischen Therapie erklären lässt.

Es ist eben der metaphysische, der Aspekt des Glaubens an den Krankenheilungen, wie sie das Evangelium schildert. Doch auch solche mythologischen Texte m?ssen eine Ursache haben, sonst wären sie nicht niedergeschrieben worden. Das ist das Eine.

Zum anderen hat gesamthistorisch gesehen jedes Volk der Welt materielle Ausformungen von magischen Vorstellungen gekannt, kurz gesagt, Bildnisse hergestellt.

Auch das muss einen Grund haben.

Magische Bildnisse - von den geschnitzten Fetischen der Naturvölker über die russischen und griechischen Ikonen hin zur etablierten Malerei und zur Fotografie - besitzen also eine viel höhere Wirkung als das, was an ihnen vordergründig sichtbar ist. Sie sind einerseits transformiert im Sinne materiell hergestellter Vorstellungen, und sie sind andererseits verwandelte Energie, nämlich in Kraft und Materie umgesetzte psychologische Prozesse im Sinne von Wünschen, Hoffnungen, Projektionen, Glauben, Erlösung. Diese Parameter sind jedem Kunstwerk eigen, beim Porträt kommt allerdings noch dazu, dass der Energiefluss, in dem die dargestellte Person oder Vorstellung steht, im Bildnis metaphysisch enthalten ist.

Wie kommt das?

Eine der unstrittigen physikalische Theorien ist jene, dass Energie nicht erzeugt und nicht verloren gehen, sondern nur von einem Zustand in einen anderen gebracht, nur umgewandelt, nur verwandelt werden kann.

Mit Betonung auf "kann".

Eine Wasser- oder Windströmung kann, wenn ich eine Turbine vorschalte, Bewegung zu elektrischem Strom machen, aber es ist stets der Mensch, der diesen Effekt voraussieht, der schaffend oder schüpfend einen Zweck verfolgt, etwas Vorgesehenes herstellen will, etwas wandeln will, Leid zu Glück, Krankheit zu Gesundheit, Verwirrung zu Klarheit.

Das heißt, der Mensch, der sich in den guten, den geistigen Energiestrom begibt, wie der brasilianische Wunderheiler Joao de Deus oder das Medium D.C., ist wie ein Transformator, der die göttlichen Kräfte durch sich hindurch und zur Heilung hin leitet.

Diese Transzendenz zeigt sich auch am Bildnis. Denken wir daran, dass wir abstrakte Begriffe nur durch Allegorien zeigen können: etwa die Vorstellung von Gottvater und Jesus als bärtige Männer, oder des Heiligen Geistes als weiße Taube. Der Inhalt des Begriffes Gott ist zu groß für eine einfache Umsetzung.

Beim Porträt, um das es hier geht, leitet der Maler, Fotograf, Zeichner oder Bildhauer die Energie, die der oder die Dargestellte verkörpert, in das Bildnis selbst hinein, er oder sie porträtiert also nicht in Form eines flächtigen Spiegelbildes, sondern transformiert die gesamte Verkörperung eines Menschen in eine neu-schöpferische Einheit aus Körper, Geist und Seele. Deshalb kann dieses Bildnis dann aus sich heraus als Platzhalter des Porträtierten selbst heilerisch wirken.

Das hat der große Lionardo da Vinci, der denkerisch seiner Zeit weit voraus war, vor 500 Jahren schon erkannt, wenn er schrieb:

Ein guter Maler hat zwei Hauptsachen zu malen: den Menschen und die Absichten seiner Seele. Das erste ist leicht, das andere schwer.

Wenn uns also das Porträt Jesu in einer Zeichnung oder in einer Fotografie erscheint, grobmaschig, Lücken im Gewebe und in der Textur zulassend, so strömt göttlich-universelle Energie aus dem Bildnis heraus. Jede Abbildung besitzt also neben ihrem physikalischen Charakter einen solchen der Magie.

Es ist wie mit dem Gebilde der Hostie bei der Kommunion: Sie ist - ebenso wie ein Bildnis - eine Metapher für den Glauben, sich in den g?ttlichen Energiestrom des Leines Christi zu begeben, der die Seele reinigt und zur Heilung irdischer Leiden führen kann.